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Berlin, Columbiahalle, 10.02.2002 (Quelle: tagesspiegel.de)

Verrauchter Zorn
Oasis geben in Berlin exklusive Einblicke in ihre neue Platte

Nadine Lange

Die Brüder sind zugeknöpft: Bis zum Hals haben sie ihre Jeansjacken verriegelt. Bei Noel Gallagher sieht das steif aus. Bei seinem Bruder Liam cool, obwohl er auch noch einen dicken Schal und die unvermeidbare hässliche Sonnenbrille trägt. Er singt lässig von unten ins Mikro, die Hände sind auf dem Rücken verschränkt. Und wenn Noel ein Solo spielt, steht er an der Bühnenkante und kaut mit halb offenem Mund ein Kaugummi. Man weiß: Er kaut es kaputt.

Es ist wieder alles beim Alten bei Oasis. Zumindest beinahe. Die Gallaghers haben sich zusammengerauft und wollen beweisen, dass sie immer noch die "beste Band auf diesem Planeten" sind. Doch standen die Zeichen dafür zuletzt nicht sonderlich gut: Nach Umbesetzungen an Bass und Gitarre kam vor zwei Jahren das eher schwächliche Album "Standing on the Shoulders of Giants" heraus. Auf der Tournee führte einer der unzähligen Streits zwischen den Brüdern zu Noels Ausstieg. Der Rest der Band machte weiter - und zeigte doch nur, wie unersetzlich der Songwriter mit den buschigen Augenbrauen ist. Kurz darauf trennten sich die beiden Gallaghers fast zeitgleich von ihren Ehefrauen und ließen auch ihre einjährigen Kinder zurück. Familiendrama komplett. Schließlich die Rückbesinnung: Von einem Bruder kann man sich nicht scheiden und Musik nicht zurücklassen.

Also begannen die Arbeiten am fünften Studioalbum der inzwischen zehn Jahre alten Formation. Eigentlich sollte deren Werk schon letzten Herbst erscheinen, dann wurde der Veröffentlichungstermin auf den Frühling und schließlich auf den Sommer verschoben. Die Schuld daran gab Noel seinem kleinen Bruder. Dem britischen "New Musical Express" sagte er, Liam habe dreieinhalb Monate gar nichts auf die Reihe bekommen, während er selbst seine Arbeit bereits erledigt hätte. "Jemand muss ihm einen verdammten Tritt in den Arsch geben", schimpfte Noel. Für diesen Job hat sich dann doch noch jemand gefunden, denn es gibt tatsächlich neue Oasis-Songs.

"Force of Nature" heißt die erste Neuvorstellung, bei der Liam die Bühne der Columbiahalle räumt. Es ist Noels Song, aber der scheint zu nervös zu sein für den Gesang: Er müht sich sehr mit einer Melodie, die ganz interessant zu sein verspricht. Nach diesem Fehlstart kommt Liam zurück und sagt nur "Supersonic", als wolle er sagen: So müssen wir klingen. Das finden auch die rund tausend Zuschauer, die der Aufzeichnung des "Music Planet: 2Nite" (arte, 23. April, 23 Uhr) beiwohnen dürfen. Wenn die Gallaghers gemeinsam die Zeile "You need a little time to wake up" singen, weiß man wieder, warum sie in den Neunzigern die Könige des Britpop waren. Und wenn sie druckvoll den Refrain von "Morning Glory" in den Saal schleudern, versteht man, warum sie fast dreißig Millionen Alben verkauft haben und sogar in den USA Erfolg hatten: Sie bewegten sich ja so dreist-traumsicher im Genre der glitzernden Poprock-Hymne wie niemand sonst. Alles klang zwar ein bisschen bekannt (ja, die Beatles), aber dann auch wieder auf der Höhe seiner Zeit.

Inzwischen haben sich Bands wie Travis oder auch die Dandy Warhols aus Amerika mit einem ähnlichen Sound in die Hitlisten gespielt. Selbst Oasis-Lieblingsfeind Robbie Williams ist ein erfolgreicher Britpopper geworden. Und was macht das Original? Es kopiert sich selbst: "Hung In A Bad Place" beginnt mit einem rauen Riff und versucht dann, ein bisschen dreckig zu sein. Liams Gesang wirkt ebenfalls angestrengt. Lockerer ist er bei "Hindu Times", das mit einem markanten Picking von Noel aufwartet. Ein leicht orientalischer Anklang ist zu hören. Auch auf das Mitgröl-Potenzial haben die Gallaghers geachtet: Bei Zeilen wie "I get so high / Just can't say why" kann jeder schnell einstimmen.

Alles in allem ist das neue Material, das sie an diesem Abend exklusiv präsentierten, netter Gitarren-Pop und keinesfalls Punkrock, wie Liam Gallagher angekündigt hatte. Auch er selber hat ein Stück geschrieben - sein erstes. "Dreißig Jahre hat er dafür gebraucht," lästerte Noel, der auch schon eine Interpretation parat hat: "Der Song ist über mich, er heißt nämlich ,Better Man'." Liam sagt nichts dazu, sondern singt einfach sein kleines Lied, das ein wenig an die Britpop-Vorgänger Stone Roses erinnert. Am überzeugendsten ist dabei die groovige Rhythmussektion, geführt von Bassmann Andy Bell. Ein Hit vom Format wie "Wonderwall" ist auch dieses Stück nicht. Und damit der große Abstand zu diesem Übersong nicht so sehr auffällt, lassen sie ihn lieber gleich weg und spielen die alles zerschmelzende, alles versöhnende Hymne "Don't look back in Anger". Ach ja, eine schöne Erinnerung werden Oasis immer beiben.

Berlin, Columbiahalle, 10.02.2002 (Quelle: tagesspiegel.de)


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