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Stop the clocks (ard.de)

Oasis: Größenwahn und Glücksgefühl

Mit "Stop The Clocks" kommt die Retrospektive einer der erfolgreichsten britischen Bands aller Zeiten in den Handel. Die Auswahl der Oasis-Kompilation erstaunt zunächst: Drei Nummer-1-Hits fehlen, auf Bonus-Material wird ganz verzichtet.

Eine Best-Of-Platte noch zu Lebzeiten einer Band zu veröffentlichen, kann mehrerlei bedeuten, häufigster Grund: schnelle und unkomplizierte Geldbeschaffung. Die Multimillionäre von Oasis haben das allerdings nicht nötig. "Ich habe mehr Geld, als ich jemals ausgeben kann", tönte Oasis-Chef Noel Gallagher kürzlich freimütig im "Spiegel". Des Weiteren käme ein kreatives Loch in Betracht, oder aber - und da sind wir bei den Gallagher-Brüdern - schlichte Plattenfirma-Pflichterfüllung.

Gewohnt großspurig erklärte Noel Gallagher noch vor Jahresfrist, ein Greatest-Hits-Album seiner Band werde es nicht geben - zumindest nicht, solange Oasis noch existierten. Zugleich befürchtete Gallagher, die ungeliebte Plattenfirma könnte derlei Pläne auch ohne die Band ausführen, denn Ende dieses Jahres läuft der Vertrag mit der Sony aus. Um den Ausverkauf des eigenen Backkatalogs zu verhindern und die Hoheit über die Songauswahl zu behalten, ließ sich Mastermind Noel dann doch herab, persönlich die Songs für die Oasis-Werkschau auszuwählen. Reinreden ließ er sich dabei nicht, weder vom verhassten Bruder und Sänger Liam noch von den anderen Bandmitgliedern. "Oasis war noch nie eine Demokratie. Ich schreibe nun mal die meisten Songs, also ist es nur logisch, dass ich bestimme was gemacht wird", doziert Gallagher.

Der Glanz der Arroganz

Und so veröffentlicht Englands erfolgreichste und einflussreichste Band der vergangenen Dekade zwölf Jahre nach ihrer Debütsingle "Supersonic" eine ganz persönliche Best-Of-Compilation. Persönlich auch deshalb, weil Noel Gallagher bei der Auswahl gleich drei von acht UK-Nummer-Eins-Hits schlicht wegließ ("D'You Know What I Mean"; "All Around The World"; "Hindu Times"). Auch auf eine chronologische Reihenfolge - sonst durchaus üblich bei Best-Of-Alben - wird verzichtet. "Stop The Clocks" – so der Titel der achtzehn Stücke umfassenden Retrospektive – enthält neben Genre-prägenden Britpop-Klassikern wie "Wonderwall" oder "Live Forever" dafür einige legendäre B-Seiten wie "Half The World Away", "Talk Tonight" und "Acquiesce" (beide von der 1995er-Single "Some Might Say").

Weltweit fanden die Alben der Band bislang mehr als vierzig Millionen Käufer - die in der Mehrzahl nicht nur die Musik, sondern auch die größenwahnsinnige keine-Rücksicht-auf-Verluste-Attitüde der Band in ihren Bann zog. Fan-Ansprache bei Konzerten: Fehlanzeige. Nette Worte gabs schon gar nicht, dafür Glücksgefühl und Bierseligkeit. Der Glanz der Arroganz: Das zweite Oasis-Album "What's The Story, (Morning Glory)" aus dem Jahre 1995 mit 14fach-Platin ist nach wie vor das meist ausgezeichnete Album der britischen Musikgeschichte.

Über die Jahre wuchs eine Fangemeinde in der Größenordnung eines Spitzen-Fußballvereins. Stadionrock lieferte Oasis auch für jene, die gar kein Fußball mögen. Große Arme-in-die-Luft-reiß-Songs und Mitgröhl/Mitnöl-Schlager, von denen viele nun auch auf der Oasis-Retrospektive zu finden sind, etwa "Some Might Say", "Go Let It Out", "Morning Glory" oder "Don’t Look Back In Anger".

Gallagher: "Diese Platte interessiert mich nicht"

Pflicht ohne Kür. Neues oder wirklich Rares fehlt der Platte aber gänzlich. Bei Best-Of-Alben beliebte Bonus-Tracks, Live-Mitschnitte oder Exklusiv-Videos sind nicht zu finden. Wo also ist der rote Faden, die Idee des Albums? Fraglich. Wahrscheinlich gibt es überhaupt keine. "Es ist einfach die letzte Platte, die wir der Plattenfirma noch schulden, diese Platte interessiert mich überhaupt nicht", ätzt Noel Gallagher.

Bleibt die Frage, für wen die Platte bestimmt ist? Die große Oasis-Gemeinde hat all die Hits sowieso im CD-Regal stehen. Bleiben Neuinteressierte: "Ich sehe die Platte als Oasis-Einstieg für die neue Generation", referiert Gallagher. Der eigensinnige Songwriter, mittlerweile fast 40, hält ohnehin nichts von der lebendigen jungen Pop-Szene auf der Insel und sich und selbst nach wie vor für den Größten. Den Anspruch hat allerdings auch Bruder Liam, von dem folgendes Zitat überliefert ist: "Es gibt nur Elvis und mich. Wer von uns beiden der Bessere ist, kann ich nicht sagen."

Oasis-Road-Movie auf DVD

In diesem Sinne, die volle Packung Hits ist garantiert. Und wer in den 90ern zu jung war oder sich einfach nur für knapp eineinhalb Stunden mit einem Sixpack Bier zu Oasis-Hits auf seinem Sofa fläzen will, ohne von mediokren Oasis-Songs - von denen gibt es eine Menge! - genervt zu werden, kann unbesorgt zugreifen. Und für alle anderen Oasis-Jünger gilt: Pünktlich zu "Stop The Clock" kommt mit "Lord Don't Slow Me Down" ein Road Movie über Oasis auf DVD und in ausgewählte Kinos.

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Autor: Ulrich Bentele

Quelle: ard.de



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