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Don't believe the truth (evolver.at)

Hail To The Union Jack!

Don't Look Back in Anger: Die Brit-Pop-Lichtgestalten der 90er-Jahre wandeln mit ihrem neuen Album auf alten Wegen. Und das nicht schlecht.

Der Union Jack, wichtigstes Utensil aller Britpop-Jünger, ist zurzeit hoch im Kurs. Allerorts wird die britische Nationalflagge geschwenkt, ob von Kritikern, wenn sie über Newcomer wie Maximo Park oder die Kaiser Chiefs ins Schwärmen geraten oder von romantischen Zeitgenossen, wenn sie dem ersten Österreich-Auftritt Coldplays beim "Nuke"-Festival sehnsüchtig entgegenblicken.
"Don't Believe The Truth", das neue Album von Oasis, stellt diese Ereignisse in den Schatten: Mit ihrem sechsten Studiowerk kehren die Gallagher-Brüder samt Anhang zu den Tugenden zurück, mit denen sie vor über zehn Jahren mit ihrem Debüt "Definitely Maybe" begonnen haben, den englischen Musikmarkt gehörig aufzumischen. Das soll nicht heißen, daß sich die letzten Alben "Heathen Chemistry" und "Standing On The Shoulder Of Giants" nicht auch auf alte Kapazunder der Musikgeschichte wie die Beatles, Velvet Underground oder die Rolling Stones berufen hätten. Doch auf "Don't Believe The Truth" gelingt das ohne verschnörkelte Spielereien und wieder so frisch, arrogant-selbstsicher und verrückt, daß man sich in die Glanzzeiten des Britpop anno 1995 zurückversetzt glaubt.
Der britpoppigste Song des gesamten Albums, die erste Single-Auskopplung "Lyla", steht dabei programmatisch nicht programmatisch für das Ganze: Neben den Gallaghers - vor allem Noel, der lange Zeit Hauptschriftführer der Band war, zeichnet nur für 5 Songs des Albums verantwortlich - dürfen sich auch die oft als unscheinbar wirkenden "Nebendarsteller" Andy Bell (Bass) und Gem Archer (Gitarre) als Songwriter versuchen und neue, durchaus differenzierte Momente im Oasis-Universum zum Vorschein bringen. Andys "Keep The Dream Alive" ist eine melancholische Rockballade geworden; würde aber nicht Liams typisch meckernde, leicht kreischende und zitternd in die Länge gezogene Stimme für unverkennbare Impulse sorgen, könnte man nicht nur in Ansätzen Ähnlichkeiten zur britischen Band Feeder ausmachen. "A Bell Will Ring" von Gem klingt dagegen wie ein Song der Hippie-Ära, der endlich erwachsen werden will.
Richtig hingerotzte Rock´n´Roll-Salven feuert hingegen Liams "The Meaning Of Soul" ab, das in nicht einmal 100 Sekunden sein gesamtes Pulver verschießt – fast als gelte es die Zukunft des Rock zu schützen.
Glanzstück des so vielschichtigen Albums ist aber zweifelsohne "Guess God Thinks I'm Abel". Mit akustischer Gitarrenarbeit steigert sich der Song zunächst in einen wunderbar hintergründigen Refrain ("Let's get along, there's nothing here to do. Let's go find a rainbow. I could be wrong, but what am I to do, guess God think's I'm Abel") und endet dann nach 2:52 Minuten in einem derartigen Soundgewitter, daß die abschließenden 10 Sekunden allein zum Baustein eines bombastischen Monuments mutieren. Zak Starkey, der Sohn von Ringo Starr, hat nicht nur hier an den Drums ganze Arbeit geleistet.
Das harmonische und dennoch in seinen Inhalten differenzierte Gesamtkonzept des Albums scheint trotz gewisser Bedenken Noels zu funktionieren: "Wenn mir damals jemand gesagt hätte: 'In zwölf Jahren bist du in einer Band mit deinem Bruder und zwei karottenknabbernden Zauseln, die sich nicht mal für Fußball interessieren', hätte ich gesagt, verdammte Scheiße, ich steige doch nicht bei den Bee Gees ein." Schließlich konnten Oasis noch vor wenigen Jahren die Zeitungsspalten der Yellow Press mühelos mit Skandalen, Schlägereien und abgebrochenen Tourneen füllen.
Auf einen Rückfall in alte Radauverhaltensmuster der unterschiedlichen Brüder hoffen dabei am allerwenigsten die Veranstalter des diesjährigen "Frequency"-Festivals. Schließlich haben die Fans ihre Union Jacks schon gewaschen und gebügelt, um ihren Helden stilgemäß zuwacheln zu können. Und sie freuen sich schon darauf, daß Liam in Armeejacke und Flieger-Sonnenbrillen weiterhin (fast) Mikrofonständer frißt, seinen Prolo-Charme versprüht und bei den Songs, die sein Bruder singt, die Bühne verläßt. Zumindest diese Eigenschaften sollten trotz ungewohnter Harmonie noch immer gleich geblieben sein ...

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Autor: David Krutzler

Quelle: evolver.at



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