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Familiar to millions (plattentests.de)

Karaoke im Stadionformat

Das Unterfangen an sich ist ja bereits an Ironie kaum zu überbieten: Ausgerechnet Oasis, denen seit ihrer indiskutablen Performance beim diesjährigen Rock am Ring (resp. im Park) hierzulande der Ruf als schlechteste Live-Band der Welt vorauseilt, veröffentlichen ein Live-Album. Rückschlüsse vom Veröffentlichungsdatum auf mögliche Kaufanreize möge hierbei ausnahmsweise jeder selbst ziehen Daß für die zwei CDs von "Familiar to millions" keiner der Deutschland-Auftritte, bei der Liam Gallagher ohne Begleitung seines Bruders den Affen raushängen ließ, ausgewählt wurde, überrascht wenig. Stattdessen fiel die Wahl auf den Auftritt im inzwischen abgerissenen Wembley-Stadion zu London vom 21. Juli 2000.

Beinahe ein Heimspiel also - die Propheten predigen im eigenen Lande. Wie der dezent hochgestapelte Titel "Familiar to millions" vorgibt, beginnt die erste der beiden CDs mit wenig überraschenden "Oasis! Oasis!"-Sprechchören. Kaum sind diese verhallt, vernimmt der Hörer die ersten rumpelnden Töne musikalischer Art. Was ist das? Der Nachbar beim Staubsaugen? Hat die Anlage ihren Geist aufgegeben? Ist "Familiar to millions" in Wirklichkeit ein Bootleg, aufgenommen von den obersten Tribünenrängen? Oder ist das doch etwa "Fucking in the bushes", der Opener? Ganz recht. Wenig später ist zum Glück wieder alles beim Alten. Liam Gallagher tritt ans Mikro, stammelt etwas von "shithole" und "motherfucking" und nölt nach einem flockigen "Two, three, four" die ersten Zeilen von "Go let it out". Willkommen im Oasis-Universum!

So spielen sich Oasis durch ein achtzehnteiliges Best Of-Set mit den wichtigsten Gassenhauern und den obligatorischen Coverversionen. Diesmal dran glauben mußten "Hey hey, my my" von Neil Young sowie "Helter skelter" aus der Feder der einzig wahren Pilzköpfe. Aber wen interessieren schon Fremdkompositionen, wenn die beste Band der Welt ihre Songs zum Besten gibt? Die zahlreiche Gefolgschaft jedenfalls nicht. Genausowenig kümmert es das Publikum, daß sich die Gallaghers nach Kräften um einen möglichst rauhen Sound bemühen. Manche mögen auch sagen, sie spielten einmal mehr die lustlosen Diven und seien auf der Bühne unfähig, die Töne zu treffen. Daß Oasis großen Spaß daran haben, vor zigtausend begeisterten Besuchern auf der Bühne zu stehen, ist jedenfalls nicht zu erkennen.

Über weite Strecken sorgen die auffällig in den Vordergrund gemischten Zuschauerstimmen und die insgesamt angemessene Aufnahmequalität auf "Familiar to millions" für das gewisse Etwas und bringen einen Hauch von Stadionatmosphäre ins Wohnzimmer. Wenn die Bierflasche mal für längere Zeit in die Gallagher-Kehle entleert werden soll, übernimmt das Publikum auch gerne mal den halben Song ("Don't look back in anger"). Doch wenn Liam ausgerechnet bei "Wonderwall" keinerlei Anstalten macht, auch nur einen Funken Emotion in seine Stimme zu legen, hält sich der Spaß am Live-Erlebnis zwischendurch stark in Grenzen. So glaubt man manchmal tatsächlich statt bei einem Oasis-Konzert beim Weltrekordversuch im Karaoke-Singen mit Ansage gelandet zu sein. Denn die Meute auf den Rängen der Wembley-Arena macht derart viel Krach, als ob sie gewußt hätte, daß es beim allerletzten Ereignis vor dem Abriß des Stadions (bei dem Deutschland die Engländer bekanntlich mit 1:0 besiegte) wenig später nicht viel zu jubeln geben würde.

Ziemlich genau sechs Jahre, nachdem Effenbergs Stinkefinger einige tausend Kilometer weiter westlich für Furore gesorgt hatte, tragen Oasis dessen Geist nach Wembley. Aber ganz gleich, wieviele "Fucks" kommen, wie oft Liam in die erste Reihe spuckt oder ihm das Mikrofon aus der promillegeschwächten Hand fällt: Die treuen Fans werden dessen Dokument "Familiar to millions" lieben. Wieso also bewerten, wieso überhaupt fünf Absätze darüber verlieren? Vielleicht, weil ein solches Oasis-Album auch für alle anderen noch sein Gutes hat: Wenn Tante Gerda nämlich beim Familienfest "Stille Nacht" mal wieder bemitleidenswert schief intoniert, so ist es doch beruhigend zu wissen, daß die Oasis-CD unterm Weihnachtsbaum in dieser Hinsicht auch keine anderen Maßstäbe setzt.

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Autor: Armin Lindner

Quelle: plattentests.de